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Wirtschaftskrise und Warnstreiks

09 Feb 2010 11:18 - 09 Feb 2010 11:33 #8764 von Manni
Liebe Community

Wie jedes Jahr beschäftigen mich erneut die Aufrufe zu Warnstreiks für mehr Geld, ganz besonders in den Zeiten wo die Wirtschaft in einer schweren Krise steckt.

Ich möchte euch mal meine Sicht als Arbeitgeber darlegen, so wie ich darin Zusammenhänge sehe.

Bevor das Land für alle spürbar in dieser Krise war, hatte ich zusammen mit einer Geschäftspartnerin ein Büro und fünf Mitarbeiter. Wir waren einem ständigen Preiskampf ausgesetzt und hatten große Mühe unsere Kosten zu decken, obwohl die vergleichsweise zu anderen Büros nicht sehr hoch waren.

Doch es half alles nichts, wenn wir unsere Mitarbeiter halten wollten, mussten wir auf unser eigenes Honorar bald verzichten. Und als auch das nicht mehr ging, mussten wir einen nach dem anderen und zuletzt die Seele unseres Büros, unsere Sekretärin und Buchhalterin, entlassen.

Danach ging meine Partnerin in die private Insolvenz und ich lebte irgendwie von der Hand in den Mund weiter, schlug mich als Müllfahrer bei der BSR durch und nahm jede Arbeit an, die sich mir bot, nur um weiter meine Rechnungen bezahlen zu können.

Es gelang uns beiden irgendwie an Harz IV gerade noch vorbei zu schrammen. Aber es bleibt ein bitterer Beigeschmack, denn ich habe immer gearbeitet für deutlich weniger Geld als was vom Staat gezahlt wird, nur damit sich die Kriminalität in überschaubaren Grenzen hält.

Doch woher kommt dieses Geld vom Staat? Es wird erwirtschaftet, von den Menschen, die eben noch bezahlte Arbeit haben. Ich sage ganz bewusst "bezahlte" Arbeit, denn inzwischen gibt es ja auch schon die unbezahlte und ich möchte nicht wissen wohin das noch führen soll.

Dann sehe ich mich mal so um, was alles zu tun wäre und stelle fest, dass überall haufenweise Arbeit vorhanden ist. Leider kann oder will sie kein Mensch mehr bezahlen. Klar, wenn es Geld auch ohne Arbeit zu haben ist.

Der Unmut bei den Menschen die sich mit immer weniger Bezahlung abfinden wächst und somit nutzen sie die Gelegenheit zum Streik, welche ihnen durch die Gewerkschaften ermöglicht wird.

Wieso wollen die Menschen nicht erkennen, dass zwischen den immer weiter ansteigenden Preisen und dem Wegfall von Arbeitsplätzen ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Da wird der Wirtschaft unterstellt, sie würde nur in die eigene Tasche wirtschaften. Hier in Deutschland dürfte das bei reellen Geschäftsbeziehungen, also dort, wo alle Vorschriften eingehalten werden, kaum noch möglich sein. Insofern wird auch die Wirtschaft zu illegalem Treiben gezwungen, will sie überleben. Da muss man dann wohl die Möglichkeiten im Ausland zu produzieren einfach ins Auge fassen, weil dort das Lohnniveau deutlich geringer ist und es auch weniger Vorschriften gibt.

Durch die Öffnung der Grenzen und die Verbindung mit Europa sind wir gefordert uns aneinander anzugleichen. Das bedeutet eben ein deutlich geringeres Durchschnittseinkommen und eben nicht mehr Geld. Wohin sollen denn all diese Streiks führen? Mehr Geld für die jeweilige Arbeitskraft bedeutet ganz klar auch höhere Preise für das Produkt. Die Schraube geht bis ins unendliche und wir sind nicht mehr konkurrenzfähig mit anderen Ländern. Wollen die Gewerkschaften unsere Wirtschaft ganz bewusst zerstören? :S

Mir fehlt dafür jedes Verständnis und ich würde es sehr begrüßen, wenn all die Leute, die momentan von Harz IV leben müssen, wieder für eine Tätigkeit bezahlt werden und nicht durch Billigarbeitskräfte oder gar durch Maschinen ersetzt würden. Sie sollten das Gefühl bekommen wieder gebraucht zu werden, was leisten zu dürfen sich etwas wert zu sein. Gleichzeit könnten all die Menschen deutlich entlastet werden, die inzwischen für zwei oder gar drei Mitarbeiter die Arbeit tun müssen, nur damit der Laden weiter läuft.

Ich hätte jedenfalls gerne meine Mitarbeiter wieder zurück und müsste nicht mehr alles alleine machen. Doch das will offenbar Niemand mehr bezahlen. Und ich bin auch nicht bereit noch länger immer nur für andere zu arbeiten, wenn da nichts bei mir von hängen bleibt. Da kann ich mich auch zu hause hinsetzen und Harz IV in Anspruch nehmen.

Oder wie seht ihr das!?
Manfred

PS.
In den letzten drei Monaten konnte ich sogar nicht mal mehr alle Forderungen erfüllen und musste Schulden machen, damit der Laden weiter läuft. Die Honorarverhandlungen verlaufen immer extremer. Ich müsste, um alle Kosten decken zu können 76,- Euro pro Stunde verlangen. Es sind mir jedoch nur 17,50 Euro pro Stunde angeboten worden. Davon könnte ich nicht einmal die Sozialabgaben leisten. Ich habe mich schon von der Renten- und Krankenversicherungspflicht befreien lassen. Und für die Berufshaftpflichtversicherung reichen die Einnahmen schon lange nicht mehr. Allerdings darf mir da dann auch nichts passieren. Wohin soll das denn führen? Können Arbeitgeber auch für mehr Lohn streiken?
09 Feb 2010 13:13 #8767 von KeepOnSmiling
Hallo Manfred,

ich kann Deine Sichtweise gut nachvollziehen. Ich bin seit über fünfzehn Jahren selbstständig tätig und hatte zwischendurch auch 1 ganztags und 1 400Euro Kraft "in Lohn und Brot"...

Es ist wirklich schwierig in "diesem unserem" Lande.

Was die Preise angeht:
Die Verbraucher- und Konsumpreise in in vielen Bereichen, insbesondere bei den Lebensmitteln so niedrig, wie sonst nirgends in Europa...
Und diese Preise stehen dort immer noch unter Druck, weil die Deutschen nicht bereit sind, Ihre eigenen Löhne zu bezahlen!

Dass sie dann auch noch dafür streiken gehen, kann ich genau wie Du auch nicht nachvollziehen.

Meine Wahrnehmung dazu:
Die meisten jammern über die hohe Abgaben-, Gebühren- und Zuzahlungslast in Deutschland und gerade der Öffentliche Dienst streikt für mehr Löhne... die dann natürlich über neue/höhere Abgaben, Gebühren und Zuzahlungen refinanziert werden!
Viele möchten gerne mehr Lohn für Ihre Arbeit, sind aber nicht bereit für andere Leute Arbeit und Arbeitsplätze entsprechende "Preise" zu zahlen.
Das bekommen wir Selbstständige in den Verhandlungen zu spüren UND natürlich all die Mitarbeiter bei Lidl, Aldi und Co., die für Hungerlöhne ausgenommen und ausgebeutet werden.

Sind Aldi, Lidl und Co. die Bösen? Ich denke nicht - Jeder, der bei Aldi, Lidl, Saturn, Media-Markt und Co. die deutsche "Geiz-ist-Geil" Mentalität auslebt und gleichzeitig darüber jammert, dass er/sie selbst zu wenig Arbeitslohn erhält, hat nicht ganz verstanden, dass er/sie an dem Ast sägt, auf dem er/sie selbst sitzt...

Ich habe mich fast ein Jahr von HartzIV unterstützen lassen und dabei nur bei REWE, Tengelmann und Tegut eingekauft! Wie das geht? Nun, ganz einfach mit Demut und der Erkenntnis, dass ich nicht möglichst viel vom Billigsten sondern genug vom Guten brauche, um gesund an Leib und Seele mein Leben leben zu können...

Das ist schon fast das ganze Geheimniss, mit dem ich jetzt ein gutes Leben mit "viel" Berufstätigkeit und "wenig" Geld verwirkliche...

KeepOnSmiling
:) OlliKöhl
09 Feb 2010 13:20 - 09 Feb 2010 13:33 #8768 von Syrin
Hallo Manfred

Im Vorfeld möchte ich sagen, dass ich mich überhaupt nicht mit unserem Wirtschafts- und Geldsystemen auskenne, weil mir das alles viel zu hoch und für meinen Verstand zu abstrakt ist :unsure:

Mir fehlt dafür jedes Verständnis und ich würde es sehr begrüßen, wenn all die Leute, die momentan von Harz IV leben müssen, wieder für eine Tätigkeit bezahlt werden und nicht durch Billigarbeitskräfte oder gar durch Maschinen ersetzt würden. Sie sollten das Gefühl bekommen wieder gebraucht zu werden, was leisten zu dürfen sich etwas wert zu sein.


Ja, ich bin auch dafür und würde es begrüßen, wenn alle HarzIV Empfänger wieder gutes Geld verdienen könnten in Jobs, in denen sie dazu auch noch eine Freude sehen.

Aber ein Satz macht mir Magenschmerzen:

"Sie sollten das Gefühl bekommen wieder gebraucht zu werden, was leisten zu dürfen sich etwas wert zu sein."

Ich finde, darin liegt irgendwie ein Denkfehler unserer Welt obendrauf.
Bin ich denn nur etwas wert, wenn ich eine Arbeit habe und Steuern zahle? Bin ich erst dann ein vollwertiger Mensch, wenn ich für den Staat meine "Pflicht" erfülle? Habe ich etwa erst dann ein Recht zu existieren?!

Vor einigen Monaten, war ich in einem tiefen Loch und fühlte mich als Nichtsnutz, weil die Gesellschaft es mir mit ihren Anforderungen und Wunschvorstellungen eines deutschen Bürgers eingeredet hat. Dann jedoch dachte ich mir, in was für einem kranken und falschen Weltbild wir leben sollen. Ich nahm diese Zeit als eine "meditative Phase" an, in dem ich mir klar machte, dass ich auch ohne Job großes in der Welt leiste und etwas wert bin, obwohl ich nicht beruflich aktiv bin.

Klar, jetzt habe ich endlich meine Lehre, in der ich auch im Vergleich zu anderen Ausbildungen gut verdiene, aber ich muss trotzdem ergänzendes HarzIV beantragen und habe höchstwahrscheinlich so gar etwas weniger Einkommen als vorher. Wenn es darum geht, wäre es eigentlich besser zu hause zu bleiben und die Zeit sinnvoller zu nutzen...

Vielleicht soll es auch so sein, dass immer mehr Menschen pleite gehen. Die Leute müssen endlich lernen ihr Selbstvertrauen andersweitig zu stärken als durch einen festen Job.
Meiner Meinung geht das erst, wenn man ganz am Boden liegt...

Liebe Grüße
Syrin
10 Feb 2010 09:47 #8796 von Manni
Syrin schrieb:

Meiner Meinung geht das erst, wenn man ganz am Boden liegt...


Liebe Syrin,

offenbar scheint es so zu sein, dass die Menschen immer erst einen entsprechenden Leidensdruck benötigen, bevor sie bereit sind daran etwas zu ändern. Doch das muss nicht so sein.

Darum sprach ich auch von dem sich Wert sein. Und ich meinte nicht, dass dies nur in Verbindung mit einem Job steht sondern vor allem mit dem was ich dabei tue.

Als ich für die Berliner Stadtreinigung tätig war, weil ich sonst keine Arbeit mehr hatte, habe ich das nicht getan, weil die mir Arbeit angeboten haben, sondern weil ich Freude daran hatte. Mir war bewusst, dass ich etwas Gutes tue, wenn ich die Straßen reinige. Ich bin nicht mit gesenktem Haupt dort langgelaufen sondern mit geradem Rücken und erhobenem Haupt.

In dieser zeit bekam ich 7,50 Euro pro Stunde und musste zu dem einen 22 to schweren Lkw mit Selbstlader fahren. Das ist deutlich unterbezahlt und entspricht der inzwischen festgesetzten Mindestgrenze. Meine Qualifikation war jedoch deutlich höher als die eines einfachen Straßenfegers zumal ich auch noch Akademiker bin und weit aus mehr Qualifikationen vorzuweisen hätte. Aber meine Verantwortung beschränkte sich nur auf das Fahren und Saubermachen und das fand ich schon toll, wenn man bedenkt, für was ich in meinem eigentlichen Beruf als bauleitender Architekt so alles verantwortlich gemacht werden kann.

Insofern genoss ich diese Zeit und war mir auch Wert diese Arbeit mit Würde zu erledigen. Ich habe da nichts Negatives erkennen können.

Natürlich nahm ich meinen eigentlichen Beruf sofort wieder auf, als mir entsprechende Angebote unterbreitet wurden. Schließlich wollte ich auch mehr Geld verdienen, damit ich mir auch mehr leisten kann.

Und nun kommt wieder die Frage nach dem sich Wert sein. Ich möchte in dieser Position eben nicht mit 17,50 Euro abgefrühstückt werden, weil ich dabei dann das Gefühl habe nur ausgenutzt zu werden. Dem Auftraggeber kommt es dann nicht auf meine Leistung an, sondern nur darauf, dass er möglichst viel Geld sparen kann. Und dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Dann fahre ich lieber wieder Lkw.

Ich habe beim täglichen Hundeausfüren auch Kontakt zu Harz IV Empfängern bekommen, die mir ihr Leid geklagt haben, wie wenig sie doch vom Staat bekommen würden und dass sie sich gerne etwas dazu verdienen wollten. Ich habe ihnen angeboten einmal in der Woche in meinem Büro zu reinigen. Dabei bekamen sie auch ein warmes Mittagessen und 10,- Euro die Stunde von mir. Sie haben es nur zweimal geschafft und beim dritten mal siegte der innere Schweinehund. Es muss doch schöner sein zu hause hinter dem Fernseher zu sitzen und regelmäßig beim Amt nach Geld nachzufragen. Offenbar waren sie sich zu fein für diese Arbeit, also nicht Wert.

Verstehst Du was ich meine?
Manfred
10 Feb 2010 16:13 #8800 von Rita
Hallo ihr Lieben,

ich habe letzte Woche einen Beitrag im TV von einem Sozialpsychologen gesehen und der erzählte etwas über die Dänen was mir vorkam, als lebten die auf einem anderen Stern.
Er sagte, dass die dänischen Bürger ein ganz anderes Verständnis vom Staat haben, der sind nämlich sie selbst. Sie fordern nichts, was die Gemeinschaft nicht leisten kann, sie hinterziehen keine Steuern, weil das der Gemeinschaft schadet und sie lügen auch sonst dem Finanzamt nichts vor - sie sind einfach ehrlich. Sie sagen, nur die Gemeinschaft kann wirklich funktionieren und alles was ihr schadet, schadet jedem Einzelnen. Die negative Einstellung der Deutschen können sie überhaupt nicht verstehen und auch nicht, dass einzelne Bürger sich Vorteile verschaffen wollen, die nur ihnen alleine nützen könnten.
Wäre das schön, wenn dieses "Virus" mal ein wenig zu uns herüberschwappen würde.

Liebe Syrin,

ich glaube, dass sich Menschen ohne Arbeit wertlos fühlen hängt mit dem tief in uns verwurzelten Wissen zusammen, dass wir alle EINS, eine Gemeinschaft sind. Kann dann jemand zu dieser Gemeinschaft nichts beitragen (oder vermeintlich nichts beitragen), fühlt er sich wertlos, obwohl er das sicher nicht ist.

Liebe Grüße von
Rita
15 Feb 2010 14:05 #8868 von Syrin
Ich grüße euch,

Manfred schrieb:

Als ich für die Berliner Stadtreinigung tätig war, weil ich sonst keine Arbeit mehr hatte, habe ich das nicht getan, weil die mir Arbeit angeboten haben, sondern weil ich Freude daran hatte. Mir war bewusst, dass ich etwas Gutes tue, wenn ich die Straßen reinige. Ich bin nicht mit gesenktem Haupt dort langgelaufen sondern mit geradem Rücken und erhobenem Haupt.


Das ist doch schön, wenn du einen Job gefunden hattest, der dir Spaß machte :)

Und ganz ehrlich, ich kenne hier niemanden, der die Leute von der BSR komisch anschaut oder für nicht qualifiziert genug hält. Ganz im Gegenteil, einige würden sich drum reißen, dort zu arbeiten!
Dreck wird es immer geben und darum ist es wichtig, dass es Leute vom Fach gibt, die die Stadt sauber halten können.

Aber ich verstehe schon was du meinst. Man möchte gerne seinen eigenen Anforderungen gerecht werden und möglichst nichts unter seinem "Niveau" und akademischen Stand machen. Das sagt das EGO jedenfalls.

Dazu eine kleine Geschichte:

Die erste Stärke der Leopardin: Genügsamkeit

»Wenig ist auch etwas. «

Als die Geschichte der Leopardin verklungen war, kreisten meine Gedanken um das letzte Wort — genügsam. Es hatte in meiner Welt eigentlich keinen Platz, es wirkte angestaubt und gestrig. Mir kam jedoch das nigerianische Sprichwort »Wenig ist auch etwas« in den Sinn, das ich im Einweihungslager gelegentlich gehört hatte.
Den Begriff Genügsamkeit verwendeten die MammyWater-Priesterinnen nicht in ihrem Wortschatz. Ihr ganzes Leben war von dieser Einstellung durchdrungen. Sie besaßen wenig und kannten es nicht anders, als sich dieses Wenige einzuteilen. Sie schleppten kilometerweit Wasser aus einem Brunnen oder vom Fluss herbei und kamen nicht auf die Idee, damit verschwenderisch umzugehen. Wenn sie im Schweiße ihres Angesichts Yamswurzeln aus dem harten Boden gegraben hatten, schätzten sie dieses nahrhafte Gemüse wie ein Juwel. Die Hacke, die zur Ernte diente, wurde gepflegt, der Mörser, mit dem gestampft wurde, hatte einen zentralen Platz auf dem Hof.
Noch bevor ich diese neue Welt betreten hatte, begann meine Verwandlung. Uhr, Schmuck, westliche Kleidung — alles musste ich zurücklassen, das mir materiell etwas bedeutete. Nur die Brille durfte ich behalten. Meine Haar wurde zu kunstvollen Zöpfchen geflochten, meine bleiche Haut in afrikanische Wickeltücher gehüllt. Zunächst war es noch ein edler Stoff gewesen, der einen schlichten weißen bedeckte.
Im Tempel der Mammy-Water-Priesterin wurde mir jedoch der schöne, silbrig glänzende Deckstoff und die dazu passende Bluse genommen. Nun trug ich nur noch das schlichte weiße Tuch um die Hüften. Die unerwartete Entblößung machte mich verlegen. Ich schämte mich, glaubte, alle würden mich anstarren. Doch die anwesenden Frauen trugen genauso wenig am Leib wie ich. Wir waren äußerlich gleich. In dem abgedunkelten Raum, dessen Wände bläulich wie das Element der verehrten Gottheit Mammy Water schimmerten, machte nicht einmal mein bleicher Körper einen Unterschied.
Ich, die schon in der Jugend einen Bogen um Campingzelte gemacht hatte, stellte mich darauf ein, mit fast 30 Jahren auf dem Boden einer Lehmhütte nächtigen zu müssen. Die Priesterinnen stellten ihrem weißen Gast freundlicherweise ein Bett mit Matratze zur Verfügung. Ich konnte auf dieser feuchtheißen Lagerstatt nicht schlafen und schaffte das westliche »Luxusgut« während einer unruhigen Nacht aus meiner Hütte heraus.
Draußen wirkte es wie ein Fremdkörper, den niemand anzurühren wagte. Nicht aus Respekt, sondern weil die anderen bereits wussten, was ich rasch begriffen hatte. In eine Lehmhütte gehört kein europäisches Bett. Ich zog es vor, wie alle anderen auf einer Matte am Boden zu schlafen. Das war kühler. Meine Anspruchslosigkeit war nicht edler Verzicht, sondern entsprach den Lebensverhältnissen.
Einfache Alltagsarbeiten führten mir das täglich vor Augen. Ich war noch ein Neuling im compound, dem in mehrere Bereiche eingeteilten Kleinstdorf der Frauen, als mir Lehrerin Oke einen kurzen Reisigbesen gab. Mitihren großen Händen deutete sie an, was ich tun sollte. Dann drehte sie sich um und ging gemessenen Schritts davon. Ich stand dumm da. Die Fläche, die die Priesterin mir zugedacht hatte, war ziemlich groß.
Wollte ich Okes Aufforderung Folge leisten, blieb mir nichts anderes übrig, als mich tief hinunterzubeugen, um den Sand mit dem von der Sonne teilweise getrockneten Kot der Ziegen und Hühner zu fegen. Es war ungewöhnlich heiß, mein Rücken schmerzte, der aufgewirbelte Staub stieg mir in die Nase. Ich hustete und schwitzte. Ich, eine Frau, die den künftigen chief heiraten wollte und mich durch meine Position als Managerin an ein komfortables Leben in Europa, Kanada und Afrika gewöhnt hatte. Niemals zuvor war ich in die Situation gekommen, einen Reisigbesen in die Hand nehmen zu müssen. Hier sollte ich den Hof einer schlichten Lehmhütten-Siedlung fegen.
Gedanken dieser Art gingen mir durch den Kopf. Aber auch das Gefühl, nicht richtig eingesetzt worden zu sein. Gewiss wäre ein junges Mädchen für diese Arbeit geübter gewesen. Anbringen konnte ich meine Kritik nicht. Okes Respekt einflößende Gestalt erstickte Widerspruch im Keim. Abgesehen davon ließ sie sich auf ein Gespräch mit mir gar nicht erst ein. Ich dachte lange, sie spräche überhaupt kein Englisch.
Während ich fegte, liefen zahllose Frauen an mir vorbei. Sie lächelten mir zu. Bei den ersten hatte ich mich noch gefragt, ob ich eine Spur von Mitleid oder gar Häme in ihrem Lächeln entdecken konnte. Nach dem Motto: Das ist schön, einmal eine weiße Frau niedere Arbeiten verrichten zu sehen.
Irgendwann kam auch Ifeoma vorbei. Sie sah, dass ich
in eine Wolke aus Staub gehüllt war. Auch Ifeoma
lächelte, machte einige Bemerkungen und nahm mir
den Besen aus der Hand. Geschickt zeigte sie mir, wie man fegt, ohne sich selbst einzustauben. Dann gab sie mir den Besen zurück. Lächelnd. Es war ein wertfreies
Lächeln. Ifeoma ging und ich machte weiter.
Das Fegen fiel mir nun leichter. Ich stellte mir die
Frage, was ich eigentlich dabei lernen sollte.
tatsächlich darum, dass ich die richtige Handhabung eines Besens beherrschen sollte? Das wollte mir nicht einleuchten. Ich hatte Hausangestellte. Wenn ich ihnen den Besen weggenommen hätte, wäre ein Aufstand
die Folge gewesen: Will die weiße Frau mich brotlos machen? Hält sie mich für zu dumm, um zu fegen?
Am Abend fragte ich Ifeoma, was Oke eigentlich wirklich bezweckt hatte. Die junge Frau sah mich verständnislos an. »Nichts, jeder muss fegen<<.
So einfach war das also. In der Gemeinschaft der Frauen gab es keine Rangordnung. Sogar Odame, die
Leiterin, sah ich mit dem Reisigbesen.
Das Prinzip, an dem sich die harmonische Gemeinschaft des Mammy-Water-Kults orientierte, wurde mir durch das demutsvolle Fegen des Hofs bewusst. Die Genügsamkeit eines einfachen Lebens war nur möglich,
weil alle gleich waren. Die Werte, die die Frauen pflegten, kamen mir zwar bekannt vor, doch sie erschienen mir wie ein altes Buch, in dem ich schon lange nicht mehr geblättert hatte. Es hieß: ob ich den Hof fegte oder Odame. Es ging um den Vorgang, nicht um die Person, die ihn ausführte.

Ich habe beim täglichen Hundeausfüren auch Kontakt zu Harz IV Empfängern bekommen, die mir ihr Leid geklagt haben, wie wenig sie doch vom Staat bekommen würden und dass sie sich gerne etwas dazu verdienen wollten. Ich habe ihnen angeboten einmal in der Woche in meinem Büro zu reinigen. Dabei bekamen sie auch ein warmes Mittagessen und 10,- Euro die Stunde von mir. Sie haben es nur zweimal geschafft und beim dritten mal siegte der innere Schweinehund. Es muss doch schöner sein zu hause hinter dem Fernseher zu sitzen und regelmäßig beim Amt nach Geld nachzufragen. Offenbar waren sie sich zu fein für diese Arbeit, also nicht Wert.


Mmh...naja, ob es schöner ist vor dem Fernseher zu sitzen und beim Amt nach Geld zu fragen, kommt sicherlich immer auf den Menschen an.
Aber wenn ich von meinem dazuverdienten nur Peanuts behalten kann, weil der Rest vom Amt sowieso eingezogen wird, dann kann ich mir schon vorstellen, dass einige sich fragen, warum sie überhaupt aufstehen.

Ich sende dir ganz viele, liebe Grüße
Syrin